Faith and Hope
Ich fahre allein nach Bethlehem. Nach dem ueblichen Smalltalk ueber die touristischen Attraktionen des Landes, die ich unbedingt noch sehen sollte, versucht der Taxifahrer vorsichtig mich fuer das Jerusalem der Checkpoints und illegalen Siedlungen zu sensibilisieren. Ich passiere den verwinkelten Uebergang ins palestinensische Bethlehem zu Fuss und laufe Richtung Zentrum. Hier treffe ich S., die eine Zusammenkunft mit Mahmoud Zwahre arrangiert hat. Mahmoud ist als Buergermeister der palestinensischen Siedlung al-Ma’sara ein viel beschaeftigter Mann.
Stein, Staub und Stacheldraht
Steinquader fuegen sich zu historischen Mauern und modernen Wohnbloecken, Beton ist zu Hauswaenden und Mauern gegossen. Asphaltstrassen schlaengeln sich zwischen Huegeln aus Fels und Geroell. Auf ihnen tronen festungsartig die Siedlungen. Dieses Land scheint nur aus Stein, Beton, Asphalt und Staub zu bestehen… und Stacheldraht.
Morgens warten wir auf Uli und S. in der Altstadt von Jerusalem. Sie arbeiten als Kooperanten des WFD mit Partnern in den besetzten Gebieten. Nach einem kurzem aber herzlichen Hallo, serviert uns S. die erste von vielen Geschichten ueber das Leben hier. Auf dem Weg nach Jerusalem hatte sie einen Checkpoint passieren muessen. Zwei jugendliche israelischen Soldaten machten sich ein Vergnuegen daraus, sie aus der Reihe zu ziehen und durcheinander schreiend mit Fragen zu bombadieren: “Where you from?” “Where you live?” “Where you work?” “Where you live?” “I don’t understand!” “Where you live?” Der taegliche Wahnsinn. Ein anderes mal war das Auto, in dem sie sass, von einer Soldatin durch die Kontrolle gewunken worden, nur um dann die Durchfahrsperre gut getimt zu aktivieren und so das Bodenblech abzureissen. Irgendwie musste ich an die aus Langeweile geborenen Streiche eines Schulfreundes waehrend seines Zivildienstes als Hausmeister in einer Berufsschule denken. Nur tragen die Halbstarken hier Sturmgewehre.
Wir wollen nach Ramallah, um langjaehrige Kooperationspartner des WFD zu besuchen. An dem Checkpoint war Uli vergangenes Jahr zwischen die Fronten palestinensischer Jugendlicher aus einem nahe gelegenen Fluechtlingslager und israelischer Soldaten geraten. Ueber das Auto flogen Steine hinweg, hinter ihr krachten die ersten Schuesse. Wir kommen unbehelligt hindurch.
Nach einem Tee im Laden “unserer” Frauenkooperative fahren wir mit Hattas weiter nach Kufername. Vor dem Haus spielen zahllose Kinder auf einem teilweise mit WFD-Spendenmitteln finanzierten Spielplatz. Nach anfaenglicher Scheu siegt die Neugier, als ich ihnen anbiete sich die eben geschossenen Fotos im Display anzuschauen. Im zweiten Stock des Hauses der Kooperative stauben die Naehmaschinen ein. Es gibt kein Material, um sie zu fuettern. Das Haus liegt auf einem Huegel. Von hier kann man die umliegenden illegalen Siedlungen sehen und die Mauer, die sie schuetzen soll. Sie besteht an diesem Abschnitt nur aus Stacheldraht und Elektrozaun und trennt die Leute von Kufername und dem benachbarten Bil ‘in von ihren alten Olivenhainen. Wir treffen Suat wieder, die vor ein paar Wochen zu den 50-Jahr-Feierlichkeiten des WFD in Deutschland war. Sie macht einen deutlich geloesteren Eindruck, spricht viel und lacht gern. Spaeter erfahre ich, dass sie jeden Freitag mit den Leuten von Bil ‘in zum Stacheldraht vor der israelischen Siedlung demonstriert.
Jeden Freitag schiessen die Soldaten auf die Demonstration. Das Haus am Dorfeingang ist vom Einschlag der Geschosse zerloechert. Leere Granaten bedecken den Boden. Mit hochkonzentrierten Traenengas, Farbgranaten, Laerm- und Stinkbomben, die bei den Opfern Uebelkeit und Erbrechen hervorrufen, kommen die modernsten Mittel der Aufstandsbekaempfung zum Einsatz. Im Juli starb ein Demonstrant. Aus naechster Naehe war eine Granate gegen seine Brust abgefeuert worden. Nahezu jede Nacht stuermt die Armee das Dorf und verhaftet willkuerlich Menschen. Trotzdem ziehen die Leute von Bil ‘in jeden Freitag zum Stacheldrahtzaun. Als wir durchs Dorf fahren, winken sie freundlich und laecheln uns zu. Wie schaffen sie das?
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